Adresszuweisung
In dieser interaktiven Lerneinheit tauchst du in die automatische IPv6-Adresszuweisung mittels SLAAC (Stateless Address Autoconfiguration) ein. Du lernst, wie Netzwerkgeräte selbstständig IPv6-Adressen generieren und verstehst die technischen Abläufe der automatischen Konfiguration im Detail. Diese Kenntnisse sind essentiell für die effiziente Verwaltung moderner IPv6-Netzwerke und deren Automatisierungsprozesse.
Einführung
Kein Internet.
Du überprüfst das neue Gerät – alles korrekt angeschlossen. Doch in der Netzwerkübersicht steht: “Keine gültige IP-Konfiguration”.
Was viele nicht wissen: Ohne eine funktionierende Adressvergabe kann kein Gerät am Netzwerk teilnehmen – es ist quasi unsichtbar.

Und genau das wird mit jedem neuen Gerät im Netz zur Herausforderung. Vom Laptop bis zum smarten Sensor: Jedes braucht eine eindeutige Adresse – automatisch, schnell und zuverlässig. IPv6 bringt dafür neue Mechanismen mit.
Lernziele
Nach dieser Lerneinheit kannst du:
- die Unterschiede zwischen SLAAC und DHCPv6 beschreiben und deren jeweilige Einsatzszenarien begründen.
- den Ablauf der IPv6-Adressvergabe mittels SLAAC Schritt für Schritt erklären.
- die Funktionen und Nachrichtentypen des Neighbor Discovery Protocol (NDP) benennen und einordnen.
- die Rolle von NDP in der IPv6-Adresskonfiguration und Adressauflösung nachvollziehen und anhand eines Beispiels erläutern.
Überleitung
Wie stellen moderne Netzwerke sicher, dass jedes Gerät automatisch eine gültige Adresse bekommt? Und wie lösen IPv6 und seine Protokolle das effizienter als ihr Vorgänger IPv4?
Lass uns mit den Grundlagen starten.
Warum ist IPv6-Adressvergabe wichtig?
In modernen Netzwerken sollen Geräte schnell und zuverlässig eine IP-Adresse erhalten – idealerweise ohne manuelle Konfiguration. IPv6 bietet dafür zwei Hauptmethoden: SLAAC und DHCPv6. Beide verfolgen unterschiedliche Ansätze, um ein gemeinsames Ziel zu erreichen: eine eindeutige Adresse pro Gerät.
Was ist SLAAC (Stateless Address Autoconfiguration) ?
SLAAC (Stateless Address Autoconfiguration) ist ein Mechanismus in IPv6, mit dem sich Geräte automatisch selbst konfigurieren – ohne zentralen Server. Du brauchst also keinen DHCP-Server, um einem Gerät eine gültige Adresse zu geben. Das reduziert den Verwaltungsaufwand und erhöht die Robustheit deines Netzwerks.
Wie funktioniert SLAAC?
Der Ablauf gliedert sich in fünf Schritte:
-
Link-Local-Adresse erzeugen Nach dem Start generiert dein Gerät eine lokale IPv6-Adresse. Dafür nutzt es z. B. seine MAC-Adresse oder einen zufälligen Wert (je nach Privatsphäre-Einstellung).
-
Adresse prüfen (DAD) Dein Gerät prüft, ob die Adresse schon belegt ist. Es sendet dazu ein Neighbor Solicitation (NS)-Paket. Bleibt die Antwort aus, ist die Adresse frei.
-
Router Solicitation (RS) senden Jetzt fragt dein Gerät per RS-Nachricht, ob ein Router im Netz ist und Konfigurationsinfos hat.
-
Router Advertisement (RA) empfangen Der Router antwortet mit einem RA-Paket. Es enthält z. B. das Netzpräfix und Flags, die angeben, ob SLAAC, DHCPv6 oder beides genutzt werden soll.
-
Globale Adresse erzeugen Dein Gerät kombiniert das Netzpräfix mit einem Interface Identifier – und hat damit seine öffentliche IPv6-Adresse.
DNS-Server? Die liefert SLAAC nicht direkt. Dafür braucht es entweder einen RDNSS-Eintrag im RA oder ergänzend DHCPv6.
Warum wird SLAAC verwendet?
SLAAC wird aus mehreren Gründen verwendet:
- Einfachheit: Kein zentraler Server nötig
- Skalierbarkeit: Perfekt für große Netze oder IoT-Geräte
- Robustheit: Fällt ein Router aus, bleibt die lokale Adressierung möglich
Was sind Privacy Extensions?
Zur Verbesserung des Datenschutzes wurden mit RFC 4941 die sogenannten Privacy Extensions eingeführt.
Diese sorgen dafür, dass ein Gerät zusätzlich zur stabilen globalen IPv6-Adresse regelmäßig neue, zufällige Interface-Identifier generiert. Dadurch entstehen temporäre IPv6-Adressen, die hauptsächlich für ausgehende Verbindungen verwendet werden. Ziel ist es, die Rückverfolgbarkeit einzelner Geräte über ihre IP-Adresse zu erschweren.
Geräte verfügen mit aktivierten Privacy Extensions typischerweise gleichzeitig über eine stabile und eine oder mehrere temporäre IPv6-Adressen.
Was ist DHCPv6?
DHCPv6 steht für Dynamic Host Configuration Protocol für IPv6. Es ist die Weiterentwicklung des bekannten DHCP aus IPv4-Netzen – mit dem Unterschied, dass es nicht alleinige Option zur Adressvergabe ist. Es ergänzt oder ersetzt SLAAC, je nach Netzstruktur.
Wie funktioniert DHCPv6?
Der Prozess läuft über dedizierte Komponenten:
- DHCPv6-Client: Das Gerät, das Netzwerkparameter (z.B. IP-Adresse) anfordert.
- DHCPv6-Server: Instanz, die Adressen und Konfigurationsdaten vergibt.
- DHCPv6-Relay-Agent: Leitet DHCPv6-Nachrichten zwischen Server und Client in größeren Netzwerken weiter.
Typische DHCPv6-Nachrichtentypen
Typische Nachrichten:
- Solicit – Client sucht nach verfügbaren DHCPv6-Servern.
- Advertise – Antwort eines Servers, dass er verfügbar ist.
- Request – Client fordert bestimmte Adressen oder Optionen an.
- Reply – Server liefert Konfigurationsdaten
Weitere Nachrichtentypen:
- Confirm: Prüfung, ob eine bestehende Adresse noch gültig ist.
- Renew / Rebind: Verlängerung einer gültigen Adresse.
- Decline: Client lehnt Adresse ab (z. B. bei Konflikt).
- Release: Client gibt Adresse zurück.
Wofür wird DHCPv6 genutzt?
DHCPv6 hat mehrere Einsatzbereiche:
- Adressvergabe: Zentrale Zuweisung und Verwaltung von IPv6-Adressen.
- DNS-Konfiguration: Bereitstellung von DNS-Serveradressen und Suchdomänen.
- Zeitserver-Konfiguration: Verteilung von NTP-Serveradressen zur Zeitsynchronisation.
- Zuweisung von Suchdomänen: Clients erhalten Domainnamen, die bei DNS-Anfragen automatisch ergänzt werden (Search Domains).
Besonderheiten im Vergleich zu IPv4-DHCP
- IPv6 kennt SLAAC als zusätzliche Option
- Mit Stateless DHCPv6 kannst du nur Zusatzinfos (z. B. DNS) abrufen – die IP-Adresse kommt trotzdem per SLAAC
- Prefix Delegation ist neu: DHCPv6 kann ganze Adressbereiche vergeben
SLAAC vs. DHCPv6
Überblick
| Kriterium | SLAAC | DHCPv6 |
|---|---|---|
| Adressvergabe | Lokal (Gerät erstellt sie selbst) | Zentral (Server weist Adresse zu) |
| DNS-Konfiguration | Nur mit RDNSS im RA möglich | Vollständig (inkl. Domains, Zeitserver etc.) |
| Verwaltung | Dezentral | Zentral |
| Infrastrukturbedarf | Minimal | DHCPv6-Server notwendig |
| Privacy Extensions | Unterstützt | Nicht vorgesehen |
| Skalierbarkeit | Sehr gut für große Netze & IoT | Gut, aber höherer Verwaltungsaufwand |
| Präfix-Delegation | Nicht möglich | Unterstützt |
| Redundanz | Robust ohne zentrale Abhängigkeit | Nur mit Failover-Servern |
Sicherheit bei DHCPv6
- DHCPv6-Shield: blockiert falsche Server im Netz
- Secure Neighbor Discovery (SEND): schützt NDP- und DHCPv6-Kommunikation kryptographisch
Warum brauchst du das Neighbor Discovery Protocol (NDP)?
Ohne funktionierende Kommunikation auf der lokalen Netzwerkebene könnten weder SLAAC noch DHCPv6 zuverlässig arbeiten. Genau hier hilft uns das Neighbor Discovery Protocol (NDP). Es ist das zentrale Protokoll, das unter IPv6 die Aufgaben übernimmt, die in IPv4 noch auf verschiedene Protokolle verteilt waren – z. B. ARP, Router Discovery oder ICMP Redirect.
Was ist NDP?
Das Neighbor Discovery Protocol (NDP) ist ein Protokoll zur lokalen Kommunikation zwischen IPv6-Geräten. Es basiert auf ICMPv6-Nachrichten und ermöglicht:
- die automatische Konfiguration von Adressen (SLAAC)
- die Erkennung erreichbarer Router und Nachbarn
- die Auflösung von IPv6- in MAC-Adressen
- die Prüfung, ob Adressen schon verwendet werden (Duplicate Address Detection)
- die Mitteilung effizienterer Routen (Redirect)
Die fünf Nachrichtentypen von NDP
NDP basiert auf ICMPv6-Nachrichten und definiert fünf Haupttypen zur Kommunikation zwischen Hosts und Routern im lokalen Netzwerk:
1. Router Solicitation (RS)
- Wird von einem Host gesendet,
um einen Router zur schnellen Übermittlung von Konfigurationsinformationen (Router Advertisement) aufzufordern.
2. Router Advertisement (RA)
- Wird von Routern regelmäßig oder als Antwort auf RS-Nachrichten gesendet.
- Enthält wichtige Netzwerkparameter wie:
- IPv6-Präfixe
- MTU-Werte
- Default-Gateway-Informationen
- Flags zur Adresskonfiguration (z. B. SLAAC, DHCPv6)
3. Neighbor Solicitation (NS)
- Wird zur Adressauflösung (analog zu ARP) oder zur Duplicate Address Detection (DAD) eingesetzt.
- Verwendet die Solicited-Node-Multicast-Adresse des Zielgeräts bzw. der eigenen Adresse.
4. Neighbor Advertisement (NA)
- Antwort auf eine NS-Nachricht oder unaufgefordert gesendet (z. B. bei Adressänderung).
- Enthält in der Regel die Link-Layer-Adresse des Senders – kann jedoch je nach Situation auch fehlen.
5. Redirect
- Router können mit dieser Nachricht Hosts mitteilen,
dass ein anderer Router für ein bestimmtes Ziel effizienter erreichbar ist.
Zentrale Aspekte von NDP
Adressauflösung
Wenn ein Gerät im selben Netzwerk erreichbar ist, aber seine MAC-Adresse unbekannt, sendet dein Gerät eine NS-Nachricht. Die Antwort (NA) enthält dann die benötigte Link-Layer-Adresse.
Zentrale Aspekte von NDP
Duplicate Address Detection (DAD)
Bevor dein Gerät eine selbstgewählte IPv6-Adresse nutzt, testet es deren Eindeutigkeit. Dazu wird eine NS-Nachricht an die entsprechende Solicited-Node-Multicast-Adresse gesendet. Wenn keine NA-Antwort kommt, gilt die Adresse als frei.
Zentrale Aspekte von NDP
Router- und Netzwerkinformationen
RA-Nachrichten liefern zentrale Infos:
- Welche Router erreichbar sind (Default Gateway)
- Welche Präfixe zur Adressbildung genutzt werden können (SLAAC)
- Ob ergänzende Konfiguration per DHCPv6 nötig ist
- Weitere Parameter wie z. B. die maximale Paketgröße (MTU)
NDP in der Praxis: Zwei typische Anwendungsfälle
1. Start eines IPv6-Geräts
- Host sendet Router Solicitation (RS)
- Router antwortet mit Router Advertisement (RA)
- Gerät prüft Adresse mit Duplicate Address Detection (DAD)
- Bei Erfolg: Bildung einer gültigen IPv6-Adresse
2. Kommunikation im lokalen Netz
- Host A kennt die IPv6-Adresse von Host B, aber nicht dessen MAC-Adresse
- Host A sendet Neighbor Solicitation (NS)
- Host B antwortet mit Neighbor Advertisement (NA)
- Nun kann die Kommunikation auf Link-Layer-Ebene erfolgen
Zusammenfassung und Ausblick
Zusammenfassung:
In dieser Einheit hast du zentrale Mechanismen der IPv6-Netzwerkkonfiguration kennengelernt.
SLAAC und DHCPv6
- SLAAC (Stateless Address Autoconfiguration) ermöglicht es Geräten, sich selbstständig eine IPv6-Adresse zu konfigurieren – ohne zentralen Server.
- Die Adressbildung basiert auf einem vom Router bereitgestellten Präfix und einem lokal erzeugten Interface Identifier.
- Privacy Extensions erlauben zusätzlich temporäre Adressen für mehr Datenschutz.
- DHCPv6 bietet zentrale Kontrolle über die Adressvergabe und weitere Konfigurationsparameter wie DNS- oder Zeitserver.
- In Kombination können SLAAC und DHCPv6 genutzt werden – z. B. SLAAC für die Adresse, DHCPv6 für Zusatzinfos.
Neighbor Discovery Protocol (NDP)
- NDP ersetzt in IPv6 mehrere frühere Protokolle wie ARP oder ICMP Router Discovery.
- Es nutzt ICMPv6-Nachrichten zur Adressauflösung (NS/NA), zur automatischen Konfiguration (RS/RA), zur Adressprüfung (DAD) und zur Routenoptimierung (Redirect).
- Ohne NDP wären sowohl SLAAC als auch grundlegende IPv6-Kommunikation im lokalen Netzwerk nicht möglich.
Ausblick:
In der nächsten Einheit erfährst du, wie IPv6-Pakete tatsächlich übertragen werden. Wir sehen uns an, wie Pakete aufgebaut sind, wie Fragmentierung funktioniert und was es mit MTU und Header-Feldern auf sich hat.