Definition: Rechtliche Aspekte und Standards

Rechtliche Aspekte und Standards der Barrierefreiheit sind gesetzliche Vorgaben und technische Richtlinien, die sicherstellen sollen, dass digitale Inhalte und Anwendungen für alle Menschen, unabhängig von körperlichen oder geistigen Einschränkungen, zugänglich und nutzbar sind.


Rechtliche Grundlagen und Standards

Barrierefreiheit ist nicht nur eine gute Idee, sondern in manchen Fällen auch gesetzlich vorgeschrieben. Hier ein kurzer Überblick:

Standard/GesetzGeltungsbereichHauptzweck
WCAGInternationalRichtlinien für barrierefreies Webdesign
BITVDeutschlandUmsetzung der EU-Richtlinie zur Barrierefreiheit
EN 301 549EuropaTechnische Spezifikationen für barrierefreie IKT
Section 508USABarrierefreiheit in der öffentlichen Beschaffung

Diese Standards und Gesetze geben uns einen Rahmen vor, wie wir Barrierefreiheit in der Praxis umsetzen können. Sie helfen uns, konsistente und effektive barrierefreie Lösungen zu entwickeln.


Web Content Accessibility Guidelines (WCAG)

WCAG

Die WCAG wurden vom World Wide Web Consortium (W3C) entwickelt, um das Web für alle zugänglich zu machen. Sie haben sich im Laufe der Zeit weiterentwickelt:

  1. WCAG 1.0: Veröffentlicht im Jahr 1999
  2. WCAG 2.0: Erschienen 2008, brachte flexiblere und technologieunabhängige Richtlinien
  3. WCAG 2.1: Kam 2018 heraus, mit zusätzlichem Fokus auf mobile Geräte und Menschen mit kognitiven Einschränkungen
  4. WCAG 2.2: Die aktuellste Version, veröffentlicht im Oktober 2023

Die WCAG sind international anerkannte Richtlinien für digitale Barrierefreiheit, aber nicht überall gesetzlich verpflichtend. In der EU und Deutschland sind sie für öffentliche Stellen bindend und dienen als Basis für entsprechende Gesetze, während sie für private Unternehmen als empfohlene Best Practice gelten.


Die vier Grundprinzipien der WCAG

Die WCAG basieren auf vier Grundprinzipien:

  1. Wahrnehmbar: Informationen und Benutzeroberflächen müssen so präsentiert werden, dass sie von allen wahrgenommen werden können.
  • Beispiel: Bilder haben Alternativtexte für Screenreader.
  1. Bedienbar: Die Navigation und Interaktion muss für alle möglich sein.
  • Beispiel: Alle Funktionen sind per Tastatur bedienbar.
  1. Verständlich: Inhalte und Bedienung müssen leicht zu verstehen sein.
  • Beispiel: Klare und einfache Sprache verwenden.
  1. Robust: Inhalte müssen mit verschiedenen Technologien, einschließlich assistiver Technologien, kompatibel sein.
  • Beispiel: Der Code ist valide und folgt Web-Standards.

Bei der Entwicklung sollte man sich immer fragen: “Erfüllt meine Website alle vier Prinzipien?”


Konformitätsstufen der WCAG

Die WCAG bieten drei Konformitätsstufen:

StufeBedeutungTypische Anwendung
AGrundlegende ZugänglichkeitMindestanforderung für viele Gesetze
AAVerbesserte ZugänglichkeitZiel für die meisten Websites, oft gesetzlich gefordert
AAAHöchste ZugänglichkeitSpezielle Websites oder Bereiche

Um eine bestimmte Stufe zu erreichen, muss eine Website alle Kriterien dieser Stufe und der darunter liegenden Stufen erfüllen. Die meisten Organisationen streben die Stufe AA an, da sie einen guten Kompromiss zwischen Zugänglichkeit und Umsetzbarkeit darstellt.


Praxistipp zur Anwendung der WCAG

Bei der Entwicklung einer Website kannst du die WCAG als Checkliste verwenden. Gehe die Kriterien Schritt für Schritt durch und prüfe, ob deine Website sie erfüllt. Es gibt auch Tools, die dir bei der Überprüfung helfen können.

Die WCAG sind zwar umfangreich, aber sie bieten einen klaren Rahmen für die Entwicklung barrierefreier Websites. Indem du dich an diese Richtlinien hältst, trägst du dazu bei, das Web für alle zugänglich zu machen.


Rechtliche Rahmenbedingungen in Deutschland

Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV)

Die Barrierefreie-Informationstechnik-Verordnung (BITV) ist das deutsche Regelwerk für barrierefreie Informationstechnik. Sie regelt:

  1. Technische Standards für barrierefreie Websites und mobile Anwendungen
  2. Anforderungen an eine Erklärung zur Barrierefreiheit
  3. Vorgaben für ein Feedback-Verfahren bei Barrieren

Die BITV gilt für:

  • Websites und mobile Anwendungen öffentlicher Stellen des Bundes

  • Intranet- und Extranet-Auftritte dieser Stellen

  • Wichtig: Seit der Novellierung 2019 verweist die BITV direkt auf die jeweils gültige Fassung der EN 301 549.


EN 301 549: Der europäische Standard

EN 301 549

Die EN 301 549 ist der übergreifende europäische Standard für barrierefreie Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT). Sie schafft einen einheitlichen Rahmen für ganz Europa und deckt nicht nur Websites ab, sondern auch andere digitale Produkte und Dienstleistungen.

Kernpunkte der EN 301 549:

  1. Basiert auf den WCAG-Richtlinien
  2. Erweitert die Anforderungen auf weitere IKT-Bereiche
  3. Wird regelmäßig aktualisiert, um mit technologischen Entwicklungen Schritt zu halten

Europäischer Rechtsakt zur Barrierefreiheit

Der Europäische Rechtsakt zur Barrierefreiheit (European Accessibility Act) hat folgende Ziele:

  1. Harmonisierung der Barrierefreiheitsanforderungen in der EU
  2. Verbesserung der Verfügbarkeit barrierefreier Produkte und Dienstleistungen
  3. Abbau von Handelshemmnissen durch einheitliche Standards

Auswirkungen:

BereichAuswirkung
UnternehmenMüssen bestimmte Produkte und Dienstleistungen barrierefrei gestalten
VerbraucherProfitieren von einem größeren Angebot barrierefreier Produkte
Öffentlicher SektorMuss bei der Beschaffung Barrierefreiheit berücksichtigen
  • Wichtig: Der Rechtsakt gilt ab 2025 und betrifft viele digitale Produkte und Dienstleistungen, wie Computer, Smartphones, E-Books und E-Commerce-Plattformen.

Section 508 in den USA

Section 508

Section 508 ist Teil des Rehabilitation Act in den USA und spielt eine ähnliche Rolle wie die BITV in Deutschland.

Grundlagen von Section 508:

  1. Gilt für Bundesbehörden und deren Auftragnehmer
  2. Fordert, dass elektronische und Informationstechnologie für Menschen mit Behinderungen zugänglich sein muss
  3. Wurde 2017 überarbeitet, um besser mit internationalen Standards übereinzustimmen

Hauptanforderungen:

  • Websites müssen den WCAG 2.0 Level AA Richtlinien entsprechen
  • Software muss mit assistiven Technologien kompatibel sein
  • Dokumente müssen in barrierefreien Formaten verfügbar sein
  • Hardware muss bedienbar und kompatibel mit assistiven Technologien sein

Vergleich der verschiedenen Standards

Hier ein Vergleich der wichtigsten Standards:

StandardGeltungsbereichBasisBesonderheiten
WCAGInternationalW3C-EmpfehlungGrundlage für viele andere Standards
BITVDeutschlandWCAGZusätzliche Anforderungen für öffentliche Stellen
EN 301 549EuropaWCAGUmfasst auch andere IKT-Produkte
Section 508USAWCAG (seit 2017)Spezifische Anforderungen für US-Behörden

Gemeinsamkeiten:

  • Alle basieren auf den WCAG-Richtlinien
  • Ziel ist die Verbesserung der digitalen Barrierefreiheit
  • Fordern die Berücksichtigung verschiedener Behinderungsarten

Unterschiede:

  • Geltungsbereiche variieren (national, EU-weit, international)
  • Detailgrad der Anforderungen unterscheidet sich
  • Rechtliche Verbindlichkeit ist unterschiedlich

Abschlussquiz

Was sind die WCAG?

Blank

  • Gesetze zur Barrierefreiheit in Deutschland
  • Internationale Richtlinien für barrierefreies Webdesign
  • Europäische Normen für digitale Zugänglichkeit

Welches der folgenden ist kein Grundprinzip der WCAG?

Blank

  • Wahrnehmbar
  • Bedienbar
  • Kostengünstig

Für wen ist die BITV in Deutschland verpflichtend?

Blank

  • Für alle Websites in Deutschland
  • Nur für private Unternehmen
  • Für öffentliche Stellen des Bundes

Welche Konformitätsstufe der WCAG wird für die meisten Websites angestrebt?

Blank

  • Stufe A
  • Stufe AA
  • Stufe AAA