Stakeholderanalyse
In dieser interaktiven Lerneinheit lernst du, wie du systematisch alle wichtigen Personen und Gruppen identifizierst, die von deinem IT-Projekt betroffen sind oder es beeinflussen können. Du erfährst, wie du deren Interessen, Einfluss und Erwartungen analysierst und in einer Stakeholder-Matrix visualisierst. Diese Methoden helfen dir dabei, von Anfang an die richtigen Personen einzubinden und Widerstände zu vermeiden - eine zentrale Voraussetzung für erfolgreiche Projektarbeit.
Einführung
Stakeholder-Management ist doch nur unnötiger Aufwand und “Vitamin B”!
…sagen manche. Bis ihr Projekt gegen die Wand fährt, weil die Stakeholder nicht mitspielen.

Lernziele
Nach dieser Lerneinheit kannst du:
- Definieren, was Stakeholder im Projektmanagement sind und erklären, warum Stakeholder-Management für den Projekterfolg entscheidend ist.
- Typische interne und externe Stakeholder in IT-Projekten identifizieren und den Unterschied zwischen beiden Gruppen erläutern.
- Die Methoden zur Stakeholder-Identifikation anwenden und Stakeholder in einer Stakeholder-Matrix nach Einfluss und Interesse einordnen.
- Die Quadranten der Stakeholder-Matrix interpretieren und daraus grundlegende Kommunikationsstrategien für die verschiedenen Stakeholder-Gruppen ableiten.
Überleitung
Nachdem wir nun klargestellt haben, dass Stakeholder-Management eben kein unnötiger Aufwand ist, sondern zentral für den Projekterfolg, wollen wir uns jetzt genauer ansehen, was Stakeholder eigentlich sind und warum sie so wichtig sind.
Was sind Stakeholder?
Jedes Projekt hat verschiedene Beteiligte, die direkt oder indirekt betroffen sind. Diese Personen oder Gruppen werden als Stakeholder bezeichnet. Sie können das Projekt beeinflussen oder von dessen Ausgang betroffen sein.
Nach ISO 21500:2012 sind Stakeholder Personen, Gruppen oder Organisationen, die ein Interesse am Projekt haben oder von dem Projekt oder Teilen davon betroffen sind oder es beeinflussen können.
Die DIN 69901-5:2009 definiert den Begriff Projektbeteiligte (engl. Stakeholder) als die Gesamtheit aller Projektteilnehmer, -betroffenen und -interessierten, deren Interessen durch den Verlauf oder das Ergebnis des Projekts direkt oder indirekt berührt sind.
Herkunft des Begriffs
Der Begriff Stakeholder stammt aus dem Englischen:
- “stake” bedeutet Anteil oder Interesse
- “holder” bedeutet Inhaber
Übersetzt bedeutet Stakeholder also Interessenhalter – eine Person, Gruppe oder Organisation, die durch den Erfolg oder Misserfolg eines Projekts direkt oder indirekt beeinflusst wird.
Was ist eine Stakeholderanalyse?
Damit ein Projekt erfolgreich gesteuert werden kann, ist es wichtig, die beteiligten Stakeholder zu identifizieren und ihre Interessen zu verstehen. Dies erfolgt durch die Stakeholderanalyse.
Die DIN 69901-5:2009 definiert die Stakeholderanalyse (engl. stakeholder analysis) als die Analyse der Projektbeteiligten hinsichtlich ihres Einflusses auf das Projekt und ihrer Einstellung (positiv oder negativ) zum Projekt.
Warum sind Stakeholder wichtig?
Stakeholder entscheiden mit darüber, ob ein Projekt erfolgreich wird oder scheitert. Die Berücksichtigung ihrer Interessen ist daher essenziell.
Eine Stakeholderanalyse hilft dir, alle relevanten Personen und Gruppen zu identifizieren und ihre Interessen, Einflüsse und Erwartungen zu verstehen. Das bringt folgende Vorteile:
- Risikominimierung: Frühzeitige Erkennung möglicher Widerstände oder Konflikte.
- Ressourcenoptimierung: Identifikation wichtiger Ressourcenbereitsteller.
- Gezielte Kommunikation: Effektive Abstimmung mit den richtigen Personen.
- Bessere Entscheidungsfindung: Berücksichtigung verschiedener Perspektiven für fundierte Entscheidungen.
Merke:
Wenn du die Erwartungen deiner Stakeholder nicht berücksichtigst, kann dein Projekt trotz technischer Perfektion scheitern.
Interne vs. externe Stakeholder
Stakeholder lassen sich in zwei Hauptgruppen einteilen:

| Interne Stakeholder | Externe Stakeholder |
|---|---|
| Gehören zur eigenen Organisation | Stehen außerhalb der Organisation |
| Direkt am Projekt beteiligt | Indirekt vom Projekt betroffen |
| Beispiele: Projektteam, Management | Beispiele: Kunden, Behörden |
- Interne Stakeholder sind leichter erreichbar und können direkt in Entscheidungen eingebunden werden.
- Externe Stakeholder erfordern oft gezieltere Kommunikationsstrategien.
Merke:
Bei externen Stakeholdern musst du individuelle Kommunikationswege wählen, da sie andere Erwartungen und weniger direkte Einflussmöglichkeiten haben.
Welche typischen Stakeholder gibt es in IT-Projekten?
In IT-Projekten gibt es eine Vielzahl von Stakeholdern. Hier eine Übersicht der häufigsten:
| Interne Stakeholder | Externe Stakeholder |
|---|---|
| Projektleiter | Kunden |
| Entwicklerteam | Endnutzer |
| IT-Abteilung | Lieferanten |
| Management | Behörden |
| Qualitätssicherung | Konkurrenten |
Jeder Stakeholder hat unterschiedliche Erwartungen:
- Der Projektleiter achtet auf Termine und Budget.
- Die Endnutzer erwarten eine intuitive, gut funktionierende Software.
- Das Management interessiert sich für den wirtschaftlichen Nutzen.
- Behörden legen Wert auf die Einhaltung von Datenschutzrichtlinien.
Merke:
Verschiedene Stakeholder haben unterschiedliche Prioritäten. Erfolgreiche Projekte schaffen einen Ausgleich zwischen internen Anforderungen und externen Erwartungen.
Wie identifiziere ich Stakeholder?
Es gibt verschiedene Methoden zur Identifikation von Stakeholdern:
- Brainstorming: Sammle mit deinem Team alle möglichen Stakeholder.
- Dokumentenanalyse: Durchsuche Projektunterlagen, Organigramme und frühere Projekterfahrungen.
- Interviews: Sprich mit Schlüsselpersonen, die das Projektumfeld gut kennen.
- Umfeldanalyse: Untersuche systematisch alle internen und externen Einflüsse auf das Projekt.
- Checklisten: Nutze vorgefertigte Listen typischer Stakeholder als Orientierungshilfe.
Merke: Eine gründliche Stakeholder-Identifikation vermeidet spätere Probleme. Stakeholder, die du zu Beginn übersiehst, könnten später unerwarteten Widerstand leisten.
Checkliste für die Stakeholder-Identifikation
Um sicherzustellen, dass du keine wichtigen Stakeholder übersiehst, kannst du dir folgende Fragen stellen:
- Wer trifft Entscheidungen im Projekt?
- Wer stellt Ressourcen bereit?
- Wer wird das Projektergebnis nutzen?
- Wer könnte vom Projekt positiv oder negativ betroffen sein?
- Gibt es rechtliche oder regulatorische Anforderungen?
- Wer hat Expertenwissen, das für das Projekt relevant ist?
- Gibt es Interessengruppen oder Verbände, die Einfluss nehmen könnten?
- Wer könnte dem Projekt Widerstand entgegensetzen?
- Wer sind die Unterstützer des Projekts?
- Hast du sowohl interne als auch externe Stakeholder berücksichtigt?
Jede “Ja”-Antwort weist auf einen potenziellen Stakeholder hin.
Merke:
Je umfassender deine Stakeholderanalyse, desto besser kannst du Risiken managen und den Projekterfolg sichern.
Überleitung
Nachdem wir behandelt haben was Stakeholder sind und warum sie für den Projekterfolg entscheidend sind, betrachten wir ein zentrales Werkzeug zur Stakeholder-Analyse: die Stakeholder-Matrix. Sie dient dazu, Stakeholder systematisch zu erfassen, zu bewerten und Strategien für den Umgang mit ihnen abzuleiten.
Die Stakeholder-Matrix
Die Stakeholder-Matrix ist ein visuelles Instrument zur Kategorisierung von Stakeholdern anhand zweier Kriterien:

- Interesse am Projekt (X-Achse): Wie stark ist der Stakeholder in das Projekt involviert? Wird er direkt oder indirekt vom Projektergebnis betroffen sein?
- Einfluss auf das Projekt (Y-Achse): Inwiefern kann der Stakeholder das Projekt maßgeblich beeinflussen? Verfügt er über Entscheidungsgewalt oder wichtige Ressourcen?
Basierend auf diesen beiden Dimensionen wird jeder Stakeholder in einen der vier Matrix-Quadranten eingeordnet.
Die vier Stakeholder-Gruppen und ihre Managementstrategien
Die Stakeholder-Matrix unterscheidet vier Gruppen, für die jeweils eine angepasste Strategie erforderlich ist:
| Quadrant | Eigenschaften | Strategie |
|---|---|---|
| Hoher Einfluss, hohes Interesse | Schlüssel-Stakeholder mit direktem Einfluss auf das Projekt | Eng einbinden, aktiv managen |
| Hoher Einfluss, niedriges Interesse | Einflussreiche, aber nicht direkt involvierte Stakeholder | Zufriedenstellen, gezielt informieren |
| Niedriger Einfluss, hohes Interesse | Engagierte Stakeholder ohne Entscheidungsgewalt | Regelmäßig informieren, einbeziehen |
| Niedriger Einfluss, niedriges Interesse | Periphere Stakeholder mit geringem Interesse | Minimal beobachten, nur grundlegende Infos |
Beispiel: Der Projektauftraggeber hat in den meisten Fällen sowohl einen hohen Einfluss als auch ein starkes Interesse am Projekterfolg. Deshalb gehört er in den Quadranten “Hoher Einfluss, hohes Interesse” und sollte eng in das Projekt eingebunden werden.
Einordnung von Stakeholdern in die Matrix
Um Stakeholder korrekt zu platzieren, solltest du dir folgende Fragen stellen:
Interesse:
- Wird der Stakeholder direkt vom Projektergebnis betroffen sein?
- Hat er persönliche oder geschäftliche Ziele, die mit dem Projekt verknüpft sind?
- Zeigt er aktives Engagement?
Einfluss:
- Kann der Stakeholder das Projekt durch Entscheidungen oder Ressourcenvergabe direkt beeinflussen?
- Verfügt er über die Macht, das Projekt zu stoppen oder in eine andere Richtung zu lenken?
- Ist seine Zustimmung für den Projekterfolg essenziell?
Stakeholder mit hoher Entscheidungsgewalt und starkem Interesse sollten priorisiert und eng eingebunden werden. Stakeholder mit geringem Einfluss und wenig Interesse benötigen hingegen nur minimale Aufmerksamkeit.
Merke:
Die Stakeholder-Matrix ist kein statisches Werkzeug. Im Verlauf des Projekts können sich sowohl das Interesse als auch der Einfluss einzelner Stakeholder verändern. Beispielsweise kann ein zu Beginn des Projekts wenig involvierter Kunde durch neue Anforderungen plötzlich stärker interessiert sein. Daher ist es wichtig, die Matrix regelmäßig zu überprüfen und Stakeholder neu zu bewerten.
Kommunikationsstrategien basierend auf der Matrix
Die Matrix dient nicht nur der Klassifizierung, sondern auch als Grundlage für eine gezielte Kommunikation. Je nach Platzierung in der Matrix erfordert jeder Stakeholder eine spezifische Kommunikationsstrategie:
| Quadrant | Kommunikationsstrategie |
|---|---|
| Hoher Einfluss, hohes Interesse | Regelmäßige Meetings, persönliche Gespräche, detaillierte Berichte |
| Hoher Einfluss, niedriges Interesse | Kurze Updates mit Fokus auf wesentliche Punkte |
| Niedriger Einfluss, hohes Interesse | Regelmäßige Informationen, z. B. Newsletter oder Projekt-Webseiten |
| Niedriger Einfluss, niedriges Interesse | Minimaler Informationsfluss, allgemeine Updates ohne Detailtiefe |
Ein effektives Stakeholder-Management berücksichtigt nicht nur die Informationsweitergabe, sondern auch den aktiven Dialog. Feedback von Stakeholdern hilft, potenzielle Risiken frühzeitig zu erkennen und gezielt darauf zu reagieren.
Praxisnahes Szenario
Stell dir vor, ihr plant einen Relaunch eurer Firmenwebsite. Ohne Stakeholder-Analyse kann das chaotisch werden:
-
Ohne Matrix: Das Marketing-Team gestaltet die Seite nach ihren Vorstellungen. Die IT-Abteilung setzt sie technisch um. Der Vertrieb beschwert sich, dass wichtige Produktinformationen fehlen. Der Support erhält mehr Anfragen, weil die Kontaktinformationen versteckt sind. Ergebnis: Unzufriedenheit und Nacharbeit.
-
Mit Matrix: Ihr identifiziert Marketing (hohes Interesse, mittlerer Einfluss), IT (hohes Interesse, hoher Einfluss), Vertrieb (hohes Interesse, mittlerer Einfluss) und Support (mittleres Interesse, mittlerer Einfluss) als wichtige Stakeholder. Durch die Matrix plant ihr gezielte Abstimmungsgespräche mit allen Teams. Ergebnis: Eine Website, die die Bedürfnisse aller wichtigen Stakeholder berücksichtigt und reibungsloser Launch.
Zusammenfassung und Ausblick
Zusammenfassung:
In dieser Lektion haben wir uns mit dem Konzept der Stakeholder als zentrale Projektbeteiligte auseinandergesetzt und deren entscheidende Rolle für den Projekterfolg untersucht.
1. Definition und Bedeutung von Stakeholdern:
- Wir haben Stakeholder definiert als Personen, Gruppen oder Organisationen, die ein Interesse am Projekt haben oder von dessen Verlauf oder Ergebnis betroffen sind.
- Dabei wurden Definitionen aus Normen wie ISO 21500 und DIN 69901 herangezogen, um ein fundiertes Verständnis zu gewährleisten.
- Die zentrale Bedeutung von Stakeholdern für den Projekterfolg wurde hervorgehoben, da ihre Interessen und Erwartungen maßgeblich über Erfolg oder Misserfolg entscheiden.
2. Stakeholderanalyse als Schlüsselinstrument:
- Wir haben die Stakeholderanalyse als unerlässliches Instrument im Projektmanagement kennengelernt.
- Ihr Hauptziel ist die systematische Identifikation aller relevanten Stakeholder.
- Weiterhin dient sie dazu, die vielfältigen Interessen, Erwartungen und den jeweiligen Einfluss der Stakeholder auf das Projekt zu verstehen.
- Die Analyse ermöglicht die Unterscheidung zwischen internen und externen Stakeholdern und die Berücksichtigung der jeweils spezifischen Kommunikationsbedürfnisse.
3. Die Stakeholder-Matrix als Managementwerkzeug:
- Als praktisches Werkzeug zur strukturierten Einordnung und strategischen Steuerung wurde die Stakeholder-Matrix eingeführt.
- Diese Matrix kategorisiert Stakeholder anhand der Dimensionen “Interesse am Projekt” und “Einfluss auf das Projekt”.
- Durch die Einordnung in die Matrix-Quadranten können angepasste Management- und Kommunikationsstrategien für die verschiedenen Stakeholdergruppen abgeleitet werden.
- Ziel ist es, Stakeholder entsprechend ihrer Bedeutung für das Projekt effektiv zu managen und ihre Unterstützung für den Projekterfolg zu gewinnen.
Ausblick:
Nachdem wir die systematische Einbindung und das Management von Stakeholdern als kritischen Erfolgsfaktor betrachtet haben, widmen wir uns in der nächsten Lektion der Risikoanalyse.
Dort werden wir lernen, wie Projektrisiken identifiziert, bewertet und Strategien zur Risikobewältigung entwickelt werden, um den Projekterfolg auch in unsicheren Situationen zu sichern. Das Wissen über Stakeholder wird uns dabei helfen, Risiken aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten und umfassender zu analysieren.